Versuch einer GR20-Apologie
Da es dem GR-20-Team bei der sogenannten Sinn-Zusammenkunft trotz größter gemeinsamer Anstrengungen nicht vergönnt war, der Antwort auf die Frage näherzukommen, warum denn nun der GR20 zu bezwingen wäre, soll hier der Versuch einer Apologie gewagt werden. Denn nichts wäre unbefriedigender, als sich den Anstrengungen und den Strapazen taumlig auszusetzen, ohne zu wissen warum.
Spaß
Öfters mal fiel während der Sinn-Diskussionen verschämt und kleinlaut der Begriff Spaß. In einem Zusammenhang, wie “wir wollen doch nichts weiter als etwas Spaß, denn wir haben ja Urlaub”. Dazu ist ohne Umschweife zu sagen, dass der Wunsch Spaß zu haben, mitnichten unverständlich ist, aber sich doch wohl ohne weiteres mit sehr viel weniger Aufwand verwirklichen liesse. Schließlich kostet die Zwei-Liter Flasche Lambrusco im allgemeinen weniger als 10 DM und vorher etwas im Kühlschrank gelagert, verspricht das Spaß fast ohne Ende, zumindest einen Abend lang. Oder wollte hier jemand ins Feld führen, dass es vielleicht unterschiedliche Ebenen von Spaß gäbe? Quasi einen Spaß höherer Ordnung. Etwas, das einem am Ende mehr Befriedigung brächte als der schnöde Alkohol? Ist aber Spaß nicht eine tief innen liegende emotionale Qualität, bei der die Großhirnrinde nur eine nachgeordnete Rolle spielt? Die Widerspiegelung der tiefen Emotion im Bewusstsein, nur damit Letzteres in diesem Augenblick nicht leer ausgeht und auch etwas zu tun hat? Das würde allerdings den Schluss nahe legen, dass der Spaß nur in einer einzigen Ausprägung vorkäme und die Lambrusco-Flasche durchaus in der Lage wäre, ihren Zweck zur vollsten Zufriedenheit zu erfüllen. Damit stünden wir wieder am Anfang und wären der Lösung der Sinn-Frage nicht einen kleinen GR20-Schritt näher gekommen.
Persönliche Herausforderung
Der GR20 stellt eine große persönliche Herausforderung dar, ja auch diese abgegriffene Floskel ist ins Spiel gebracht worden. Wie wenn ich meine Grenzen nicht schon längst kennen würde und wozu überhaupt soll das gut sein, sich herausfordern zu lassen? Wäre mir in einem Akt göttlicher Offenbarung meine Berufung mitgeteilt worden (und sollte es dazu nötig sein, den GR20 zu gehen), dann selbstverständlich würde sich keine Frage stellen, ob nun ein Wanderschritt zu tun wäre oder nicht. Die Offenbarung wird aber doch bestimmt einen Inhalt haben, der das Gehen des GR20 nur als ein Mittel sieht, um einen Zweck zu erreichen. Es würde sich nur schwierig eine Berufung vorstellen lassen, der dadurch nachgekommen werden könnte, auf dem GR20 an sich zu hatschen. Aber bei Offenbarungen kann man natürlich nie wissen. Wie auch immer, keinem der Teilnehmer ist in letzter Zeit diesbezügliches offenbart worden (zumindest soweit mir bekannt ist).
Raus in die Natur
Es ist doch schön, mal raus in die Natur zu kommen, endlich mal der Hektik des Stadtlebens entfliehen können. Wieder Argumente, die diesen allgegenwärtigen Urlaubs-Fluchtcharakter durchscheinen lassen (endlich kann ich im Urlaub mal dem grausigen Alltag entfliehen). Dann biedern sich auch gleich die ganzen Klischees an, die dem seligen Naturerleben das Wort reden. (Zur weiteren Erbauung können in beliebiger Menge romantische Natur-Gedichte rezitiert oder Thoreaus Blockhüttenerfahrungen nachgelesen werden.)
Reise zum Selbst
Etwas psychologisierender kann dann auch von der Reise zum Selbst, ins Innere oder alternativ vom Eins-Werden mit der Natur gesprochen werden. Was ich in meinem Inneren soll, oder warum ich ein verborgenes Inneres habe, das unbedingt bereist werden muss, das bleibt erstmal offen. Wenn es denn ein solches Inneres ist, dass es mich nicht in meinem Leben beeinflusst (und nur deswegen müsste ich dorthin reisen), dann soll es eben drin bleiben. Ebenso bleibt mir unklar, warum ich gleich mit der ganzen Natur eins werden soll und ob nicht auch vielleicht meine Schreibtischpflanze dazu genügt. Und was soll das mit dem GR20 zu tun haben?
Die substanziellen Argumente
Keines der vorgenannten Argumente könnte mich auch nur im entferntesten dazu bewegen, mich nach Korsika zu begeben und auf einem Bergrücken von einer Erhebung zur nächsten zu hatschen (oder welche Form auch immer die Fortbewegung dann annehmen wird). Jedoch scheinen mir die folgenden drei Gedankengänge das zarte Pflänzchen der wahren Begründung für den GR20-Gang begießen zu dürfen.
Kunst durch Leiden
Die wahre Kunst ist nur durch Leiden möglich. Sollte diese These richtig sein (und wer steht auf und wagt es daran zu zweifeln?), bin ich als Nicht-Leidender schon a priori dazu verurteilt, niemals Kunst schaffen zu können. Nicht dass ich allein durch den GR20-Gang zum Künstler würde, zumindest aber würde ich mir dadurch die entsprechende Potentialität erwerben. Wohl wissend, dass ich mich durch mein schieres Dasein als Mensch permanent selbst inszeniere und ich dadurch in gewisser Weise kunstschaffend bin, ist es alles andere als vermessen zu behaupten, dass der Prozess des GR20-Gehens sogar als Kunstwerk zu bezeichnen ist. Was aber den Wanderer somit doch zum Künstler macht. (Ja genau, durch die Kunst grenze ich mich vom Vieh ab.)
Kalibration des Schönen
Leider ist einer als Mensch dazu verdammt, in einfachsten Dual-Kategorien zu denken. “Alles hat zwei Seiten.” Wieso soll alles denn nur zwei Seiten haben? Nur durch die menschliche Unfähigkeit, wirklich komplex zu denken, kann man sich auf zwei Seiten begrenzen. (Immerhin muss das schon als eine gewisse Höhe der Kultur angesehen werden. Nicht wenige sind ja nicht mal hier angekommen und denken immer noch, sie würden die einzig wahren Ansichten vertreten.) Wie auch immer, eingedenk dieser menschlichen Ur-Beschränktheit kann es einen Vorteil bringen, das Schreckliche erleben zu müssen, quasi durch die Hölle (oder besser den GR20 entlang) zu gehen, um sich erst bewusst zu machen, wie schön das Leben in einer Stadt wie München sein kann. Dieses Erleben kann erst zu seiner vollen Blüte gebracht werden, wenn in einem hart herausgearbeiteten Kontrast das Ganz-Andere erfahren wurde. Eine Kalibration des Schönen wird auf diese Art erreicht, die verhindert, dass das Schöne nur deswegen nicht mehr wahrgenommen werden kann, weil es zur Gewohnheit geworden ist.
Menschliche Freiheit
In meiner Eigenschaft als Mensch spüre ich die Freiheit, indem ich das wirklich Unnötige tue. Da nichts, aber auch gar nichts einen dazu zwingt, eine solche Tour zu gehen, ist die Entscheidung, genau dieses zu tun, der Ausdruck der eigentlichen menschlichen Freiheit. Also bin ich mir als Mensch am nächsten, wenn ich in der vollkommen freien Entscheidung ein völlig Unnötiges tue. Nur der wahrhaft freie Mensch kann Dinge tun, für die es keinen Grund geben muss. In diesem Sinne werde ich dadurch erst zum eigentlichen Menschen. (Und was sollte ich denn sonst noch wollen im Leben? Ok, eine Nikon D1 eventuell.)